Der mutige Schüler

Der erwürdige Lehrer Rabbi Malachi sprach vor seiner Schulklasse über Tugend und Ehrlichkeit und wie wichtig dabei das richtige Sehen und Hören ist.
Daraufhin schrieb er eine mathematische Formel an die Tafel, die seine Schüler nie zuvor gesehen hatten. Wie zu erwarten, vermochte keiner der Schüler die Aufgabe zu lösen.

Da war der Rabbi ungehalten und sprach: „Selbst ein Blinder würde diese Aufgabe eher lösen als ihr!“

Die Schüler waren perplex und erstaunt über die Reaktion ihres Rabbi, den sie so nicht kannten. Daraufhin öffnete dieser die Tür nach draußen und rief den alten Bettler Gamaliel, der allseits bekannt war und Tag für Tag auf der Treppe des Tempels saß, um zu betteln.
Dieser war von Geburt an blind. Als er die Stimme des Rabbi hörte, stand er aber sogleich auf und kam zu ihm. „Was kann ich für dich tun, Lehrer?“ sprach der erstaunt wirkende Blinde.
„Gehe an die Tafel und löse die Aufgabe, die ich darauf geschrieben habe!“ Da sprach der Blinde: „Wenn es weiter nichts ist“ und ging an die Tafel und schrieb an der genau passenden Stelle die richtige Lösung!
Da erwiderte der Rabbi kurz: „Ja, es ist die richtige Lösung!

Da ging ein Raunen durch die Klasse und alle Schüler waren hoch verwundert über dieses Rätsel. Einige blieben noch in der Klasse sitzen und versuchten bei genauer Betrachtung die Formel und ihre Lösung zu verstehen.

Samuel aber, einer der Jüngsten in der Klasse, folgte dem Lehrer, nahm seinen ganzen Mut zusammen und sprach: „Ehrwürdiger Lehrer, verzeihen Sie bitte meine Unterstellung, aber ich sah gemeinsam mit meinen Mitschülern, als wir uns vor der Schule versammelten, dass Sie dem Bettler etwas schenkten und mit ihm besprachen, bevor sie die Schule betraten, kann es sein, dass Sie die Lösung mit ihm abgesprochen haben?
Da lobte der Rabbi den furchtsam schauenden aber mutigen Jungen über alle Massen und sprach: „Wie es aussieht, bist du der Einzige, der diese Aufgabe lösen konnte! Erinnerst Du Dich noch an das Thema der Aufgabe?“ „Nein, nicht direkt..“ murmelte der Junge, „es war eine sehr lange Formel“ als ihn der Rabbi sogleich unterbrach und sprach: „Das Thema war: „Tugend und Ehrlichkeit und wie wichtig dabei das richtige Sehen und Hören ist.

Du hast richtig gesehen und richtig gehört, weil Du Dir selbst und Deinem Herzen vertraut hast. Behalte Dir Deinen kritischen Geist in deinem weiteren Leben und schaue auch weiterhin nicht weg, wenn Unrecht vor deinen Augen geschieht. Tugend und Ehrlichkeit erfordert von uns immer Mut und geht auch immer mit einer Prüfung im Leben einher. Du hast diese Prüfung bestanden und hast Dich nicht von meiner Autorität blenden oder verleiten lassen.
Tugend und Ehrlichkeit kann nur durch ein praktisches Beispiel gelehrt werden und nicht in der Theorie. Sie ist keine Formel, die man an die Tafel schreibt und mit dem Kopf lösen oder auswendig lernen könnte. Sie kann nur mit einem tugendhaften und mutigen Herzen gelöst werden.

Das hast Du soeben getan. Und morgen werden wir den Rest der Klasse dazu motivieren.“


Anmerkung zur Geschichte:

In einer Gesellschaft in der wir von Geburt an auf Gehorsamkeit getrimmt werden und derjenige bevorzugt wird, der Lösungen seiner Vorgesetzten und was diese hören wollen, nachplappert, ist es schwer, nicht der Unehrlichkeit zu verfallen.
Aber diese Art von „Anständigkeit“ ist in Wahrheit keine Tugend, sondern eher Unterwürfigkeit, Speichelleckerei und mangelnder Mut und wir verraten damit unsere Werte ebenso wie die, der Gesellschaft.
Wie in der Geschichte ergeht es auch uns, wenn wir Autoritäten – und erscheinen sie uns noch so glaubwürdig aus Politik und Wissenschaft, mehr glauben als unseren eigenen Sinnen, unserer eigenen Intuition und unserem wachen Geist!


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